Einsamkeit ist längst kein Randthema mehr, sondern ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, das auch Kinder und Jugendliche betrifft. In Zeiten digitaler Medien und Künstlicher Intelligenz (KI) verändern sich auch soziale Beziehungen, Kommunikationsformen und Bewältigungsstrategien. Es stellt sich zunehmend die Frage, welche Rolle digitale Medien und KI dabei spielen.
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Was ist Einsamkeit?
Einsamkeit ist kein objektiv messbarer Zustand, sondern ein subjektives Empfinden. Ein Mensch kann viele soziale Kontakte haben und sich dennoch einsam fühlen, während andere mit wenigen, aber zuverlässigen stabilen Beziehungen zufrieden sind. Einsamkeit lässt sich daher nicht eindeutig an äußeren Faktoren wie der Anzahl von Freundschaften, dem Familienstand oder dem sozialen Umfeld festmachen.
Grundsätzlich unterscheidet die Forschung verschiedene Formen von Einsamkeit: emotionale Einsamkeit, bei der eine enge, vertrauensvolle Bindung fehlt; soziale Einsamkeit, die das Gefühl beschreibt, nicht ausreichend in ein soziales Netzwerk eingebunden zu sein sowie kollektive Einsamkeit, also das mangelnde Zugehörigkeitsgefühl zu einer größeren Gemeinschaft oder gesellschaftlichen Gruppe. Besonders problematisch ist die chronische Einsamkeit, die über einen Zeitraum von etwa eineinhalb bis zwei Jahren anhält. Studien zeigen, dass ihre gesundheitlichen Folgen mit starkem Tabakkonsum vergleichbar sind, es erhöht das Risiko auf eine Herzerkrankung oder einen Schlaganfall.
Bei Kindern und Jugendlichen entwickelt sich Einsamkeit altersabhängig unterschiedlich. In jüngeren Jahren spielt zunächst die Quantität sozialer Kontakte eine größere Rolle: Viele Freundschaften können kurzfristig das Gefühl von Einsamkeit mindern. Anerkennung, Wertschätzung und das Gefühl, dazuzugehören, werden mit zunehmendem Alter wichtiger. Bleiben diese Bedürfnisse unerfüllt, kann Einsamkeit entstehen, auch dann, wenn Jugendliche äußerlich gut vernetzt erscheinen.
Eine Studie des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ zeigt, dass sich mehr als die Hälfte der befragten jungen Menschen zwischen 16 und 23 Jahren zumindest zeitweise einsam fühlt. Besonders betroffen sind Jugendliche, die unter finanziellem Druck stehen, bereits früh Verantwortung übernehmen müssen oder eine Migrationsgeschichte haben. Einen hohen Einfluss hatte die Coronapandemie durch die Maßnahmen der Kontaktbeschränkung.
Einsamkeit wirkt sich dabei nicht nur auf das individuelle Wohlbefinden aus, sondern kann auch gesellschaftliche Folgen haben. Studien weisen darauf hin, dass sich dauerhaft einsame Menschen anfälliger für soziale Isolation, populistische Narrative oder Verschwörungserzählungen zeigen.
Einsamkeit und Soziale Medien
Einerseits können soziale Medien Einsamkeit verstärken: Plattformen zeigen häufig idealisierte Darstellungen von Freundschaften, Beziehungen und Lebensstilen. Der ständige Vergleich kann das Gefühl hervorrufen, selbst weniger beliebt oder erfolgreich zu sein. Die Angst, etwas zu verpassen (FOMO), verstärkt dieses Empfinden zusätzlich.
Zudem können sich Einsamkeit und ein überhöhter Medienkonsum gegenseitig beeinflussen. Wer sich einsam fühlt, greift häufiger zum Smartphone. Gleichzeitig kann eine exzessive Nutzung reale soziale Kontakte verdrängen.
Andererseits bieten soziale Medien auch Chancen: Sie ermöglichen es Jugendlichen, (auf der ganzen Welt) Kontakte zu pflegen, Gemeinschaften zu finden und Unterstützung zu erfahren, insbesondere dann, wenn reale Begegnungen durch räumliche Distanz oder eine gesundheitliche Beeinträchtigung eingeschränkt sind oder Hemmschwellen bestehen.
KI: Neue Formen der Beziehung?
In den vergangenen Jahren ist neben sozialen Netzwerken ein weiteres Angebot stark gewachsen: KI-basierte Chat- und Interaktionssysteme. Chatbots, Sprachassistenten oder KI-gestützte Avatare, etwa auf Plattformen wie Character.AI, bieten Nutzenden die Möglichkeit, jederzeit in einen scheinbar persönlichen Dialog zu treten. Gerade für einsame Jugendliche kann dies zunächst entlastend wirken: KI ist rund um die Uhr verfügbar, reagiert wertschätzend und widerspricht selten. Weitere Informationen zu Chatten mit Künstlicher Intelligenz.
Studien und Medienberichte zeigen jedoch einen besorgniserregenden Trend: Immer mehr Jugendliche wenden sich bei emotionalen Problemen oder Einsamkeitserfahrungen eher an KI-Bots als an reale Bezugspersonen. Besonders problematisch ist, dass KI keine echten sozialen Beziehungen ersetzen kann. Sie simuliert Nähe, ohne tatsächliche Bindung, Verantwortung oder soziale Aushandlungsprozesse. Zudem fehlen moralische Orientierung, Empathie im menschlichen Sinne und die Fähigkeit, komplexe soziale Situationen angemessen einzuordnen. Im Gegensatz dazu müssen analoge Freundschaften gepflegt werden, „kosten“ Zeit, Anstrengung und sind nicht immer konfliktfrei.
Die Nutzung von KI im Kontext von Einsamkeit birgt mehrere Risiken. Jugendliche, die sich stark an KI-Dialoge binden, können sich weiter von realen sozialen Beziehungen zurückziehen. Gleichzeitig besteht die Gefahr der Manipulation, da KI-Systeme nicht neutral sind, sondern auf Trainingsdaten und algorithmischen Zielsetzungen basieren. Besonders problematisch ist dies, wenn Jugendliche in emotional vulnerablen Phasen auf Angebote stoßen, die einseitige Weltbilder, stereotype Rollenbilder oder problematische Ideologien verstärken, etwa im Umfeld der sogenannten Manosphere oder Tradwifebewegung.
Hinzu kommt, dass KI keine positiven sozialen Vorbilder ersetzen kann. Während Freundschaften und Beziehungen im echten Leben ein Aushalten unterschiedlicher Haltungen, Konfliktlösung, Empathie und Perspektivwechsel erfordern, bleibt die Interaktion mit KI einseitig und folgenlos. Langfristig kann dies soziale Kompetenzen schwächen, statt sie zu fördern.
Handlungsempfehlungen: Was Einsamkeit entgegenwirken kann
Es ist nicht die Anzahl sozialer Kontakte entscheidend, sondern deren Qualität. Ein stabiles Zugehörigkeitsgefühl, das Erleben von Anerkennung und die Erfahrung, ernst genommen zu werden, wirken Einsamkeit entgegen. Resilienz, soziale Unterstützung und verlässliche Bezugspersonen spielen dabei eine zentrale Rolle.
Digitale Angebote – auch KI – können unterstützend wirken, wenn sie bewusst und begleitet genutzt werden. Sie dürfen jedoch nicht zum Ersatz für reale Beziehungen werden. Entscheidend ist, junge Menschen dabei zu unterstützen, digitale und analoge Lebenswelten miteinander zu verbinden, statt sie gegeneinander auszuspielen.
Für Eltern und Lehrkräfte bedeutet dies vor allem, Einsamkeit als mögliches Thema ernst zu nehmen – auch dann, wenn Jugendliche scheinbar gut vernetzt scheinen. Offene Gespräche über Gefühle, Mediennutzung und digitale Erfahrungen sind wichtig. Schule oder Hobbys können wichtige Orte sein, um soziale Teilhabe zu fördern, Beziehungen zu stärken und Medienkompetenz zu vermitteln.
Im Umgang mit KI ist es wichtig, Kinder und Jugendliche für deren Funktionsweise, Grenzen und Risiken zu sensibilisieren. KI sollte als Werkzeug verstanden werden, nicht als Beziehungspartner. Eltern und Lehrkräfte können gemeinsam darauf hinwirken, dass junge Menschen lernen, Unterstützung zu suchen, bei Freundinnen und Freunden, in der Familie oder bei professionellen Beratungsstellen, und digitale Angebote reflektiert zu nutzen.
Einsamkeit bei jungen Menschen ist ein vielschichtiges Phänomen, das durch gesellschaftliche Entwicklungen, digitale Medien und neue KI-Angebote beeinflusst wird. KI kann kurzfristig Nähe simulieren, birgt jedoch langfristig Risiken für soziale Entwicklung und psychische Gesundheit. Umso wichtiger ist es, Kinder und Jugendliche zu begleiten, ihnen echte Teilhabe zu ermöglichen und sie darin zu stärken, tragfähige Beziehungen aufzubauen, online wie offline.