Plattformen wie TikTok, Instagram oder YouTube dienen nicht nur der Unterhaltung und dem Austausch, sondern zunehmend auch der Identitätsbildung. Junge Menschen orientieren sich an den dort gezeigten Inhalten. Die JIM StudieÖffnet sich in einem neuen Fenster des Medienpädagogischen Forschungsverbands Südwest zeigt, dass diese drei Plattformen am populärsten sind, wenn es darum geht, über Trends und das Weltgeschehen informiert zu bleiben. Rund ein Viertel der Jugendlichen nutzt sie mehrmals täglich auf der Suche nach Inspiration. Doch gerade in der sensiblen Phase der Selbstfindung stoßen Jugendliche dort auf problematische Inhalte, die stereotype Weltbilder und traditionelle Rollenbilder reproduzieren. Zwei besonders einflussreiche Trends sind derzeit die Tradwife-Bewegung und die sogenannte Manosphere.
Was verbirgt sich hinter den sogenannten Tradwives und der Manosphere Community?
Tradwife steht für „traditional wife“ – eine Frau, die sich freiwillig in die traditionelle Rolle der Hausfrau zurückzieht und als Influencerin ihren Alltag mit jungen Menschen teilt. Das heißt nicht jede Hausfrau ist automatisch eine Tradwife. Vielmehr zeichnen sich diese durch das offensichtliche Werben für traditionelle, stereotypische Rollenbilder aus – in sozialen Medien inszenieren sich junge Frauen in perfekt dekorierten Küchen, beim Backen für den Ehemann oder beim Staubsaugen im Retro-Kleid. Die Kernbotschaft des Geschäftsmodells: Wahres weibliches Glück liege in der Aufopferung für den Mann und das Zuhause. Die Influencerinnen versuchen junge Frauen von ihrem Lebensmodell zu überzeugen. Doch kann dies für Hausfrauen auch finanzielle Risiken bedeuten, wenn sie sich in eine vollständige wirtschaftliche Abhängigkeit von ihrem Mann begeben. Problematisch und frauenfeindlich ist dabei nicht die Entscheidung für diese Lebensform – jede Frau sollte frei über ihren Lebensweg bestimmen können – sondern vielmehr, dass alternative Lebensmodelle abgewertet und gesellschaftliche Realitäten, wie beispielsweise der Gender Pay Gap oder Altersarmut von Frauen, ignoriert werden. Häufig bleibt auch der politische Hintergrund unerwähnt: Die Tradwife-Bewegung hat ihren Ursprung in konservativen Kreisen der USA und lässt sich mit dem traditionellen Weltbild rechtsextremer Milieus in Deutschland verbinden. Weitere Informationen und Belege finden Sie am Ende des Artikels.
Parallel dazu und oftmals verbunden mit rechtsextremen Inhalten oder unabhängig davon auch mit islamistischen Narrativen, bewegt sich die sogenannte Manosphere: Ein loses Netzwerk von männlich dominierten Online-Communities, das traditionelle Männlichkeitsbilder verherrlicht. Sie reichen von Pick-Up Artists, die mit manipulativen Techniken Frauen „erobern“ wollen, zu Incels (involuntary celibates), also unfreiwillig enthaltsame Männer, die Frauen für ihre eigene Einsamkeit verantwortlich machen. Zu der Manosphere gehören aber auch selbsternannte Alpha Males, die sich als dominante, emotional unnahbare Anführer inszenieren. Die Botschaften ähneln sich: Männer sollten dominant, emotional unberührbar und überlegen sein, während Frauen oft abgewertet oder als Ursache männlichen Leids dargestellt werden. Die Rhetorik kann sich bis zu offener Frauenfeindlichkeit und Gewaltfantasien steigern. Eine UmfrageÖffnet sich in einem neuen Fenster aus dem Jahr 2023 ergab, dass sich mehr als ein Drittel der befragten jungen Männer zwischen 18 und 35 Jahren schon einmal gewalttätig gegenüber Frauen verhielten, um ihnen Respekt einzuflößen.
Doch traditionelle, stereotypische Ansichten sind nicht nur aus frauenfeindlicher Perspektive problematisch – auch für viele Jungen können sie belastend wirken. Knapp die Hälfte der befragten jungen Männer gab in der oben benannten Umfrage an, einen Druck zu verspüren, traditionellen Vorstellungen von Männlichkeit zu entsprechen: nicht nur äußerlich, sondern auch emotional. Dahingehend empfinden etwas mehr als 50% der jungen Männer, dass sie ihre Gefühle, wie Traurigkeit oder Nervosität, nicht zeigen lassen dürfen. Eigenschaften wie Risikobereitschaft und Stärke, aber auch die Erwartung, Probleme allein zu lösen und nicht um Hilfe zu bitten, gelten dabei als Ausdruck von Männlichkeit. Damit einher geht auch die Erwartungshaltung einer Verantwortung, Familienmitglieder in der Zukunft finanziell versorgen und beschützen zu müssen. All dies kann zu Minderwertigkeitsgefühlen, Versagensängsten oder dem Gefühl führen, nicht „männlich und stark genug“ zu sein. Dies belegen Daten der bereits oben benannten Befragung. Während 71% der Männer angeben, dass sie glauben Probleme ohne Hilfe lösen zu müssen, empfinden 51%, dass sie als schwach und angreifbar gelten, wenn sie Gefühle zeigen. Informationen zu den Auswirkungen, die die Manosphere für Frauen und Männer haben kann, finden Sie am Ende des Artikels unter Studien und Hintergründe.
Was macht diese Inhalte so gefährlich?
Jugendliche sind auf der Suche nach Orientierung, Zugehörigkeit und Sinn. In einer komplexer werdenden Welt versprechen klare Rollenbilder und einfache Erklärungen scheinbare Sicherheit. Studien zeigen: Gerade in Zeiten von Krisen und Unsicherheiten wächst das Bedürfnis nach Ordnung und Kontrolle. Gleichzeitig fehlen besonders für Jungen differenzierte Vorbilder. Die Konfrontation mit Rollenbildern in sozialen Netzwerken kann dabei zu Verunsicherung aber auch vermeintlicher Orientierung führen. Auch in Serien und Filmen können starre Rollenbilder gezeigt werden, die schon Kinder beeinflussen können. Weitere Informationen finden Sie hier.
Die Inhalte der Manosphere und der Tradwife-Bewegung sind oft schwer zu erkennen: Sie wirken harmlos, kommen als persönliche Geschichten oder Lifestyle-Tipps daher. Besonders gefährlich daran ist jedoch: Frauenfeindliche und stereotypische Haltungen gelten nicht automatisch als extremistisch, können jedoch als Brücke zu radikalen Ideologien fungieren. Diese Einstellungen gehören zu den grundlegenden Inhalten extrem rechter Ideologien. Rechtsextreme Akteurinnen und Akteure greifen diese Inhalte zum Beispiel in Sozialen Medien auf, fundieren sie mit entsprechenden Begründungen und verbinden sie mit anderen problematischen Inhalten wie gefährlichen Feindbildern oder Gewaltfantasien. So kann es zu einer schleichenden Radikalisierung kommen.
Handlungsempfehlungen für Eltern
- Schaffen Sie ein offenes Gesprächsklima zu problematischen Inhalten und Rollenbildern, beispielsweise „Was interessiert oder verunsichert dich an diesem Video?“ oder „Was denkst du über die gezeigten Rollenbilder?“
- Reflektieren Sie gemeinsam, welche Vorbilder für Ihr Kind wichtig sind. Sprechen Sie über mögliche positive Vorbilder, die Ihrem Kind Orientierung bieten können.
- Sprechen Sie mit Ihrem Kind darüber, wer das Video erstellt hat und welche vermeintliche Absicht diese Person haben könnte – bspw., dass sie mit den Inhalten Geld verdient und manche Aussagen und Produkte nur aus diesem Grund bewirbt.
Tipps für Jugendliche: So kannst du kritisch bleiben
- Wie fühle ich mich beim Anschauen dieses Videos?
- Wer hat den Beitrag erstellt – und warum?
- Welche Lösungen werden angeboten – sind sie realistisch?
- Welche Meinungen kenne ich noch zu dem Thema?
- Mit wem kann ich offen darüber sprechen?